Die Love Parade hatte das Wort “Liebe” im Titel, hatte jedoch mit dieser so wenig zu tun wie Mc Donalds mit Gesundheit. Sie war eine durch und durch kommerzialisierte Großveranstaltung mit völliger Insensitivität gegenüber gesellschaftlichen Missständen. Sie diente nicht Reflektion und einem menschlichen Miteinander, sondern der Parade des Egoismus, dem reinem Fun und Thrill, der Ablenkung von realen Problemen und deren Lösung. Sie war propagierte Inhaltslosigkeit als Betätigung. Ihr Ende ist nicht zu bedauern, wohl aber die Tragödie, die so vielen Menschen das Leben kostete.
Die Tragödie bei der Love Parade in Duisburg gibt auch Anlass über das Thema der Gnadenlosigkeit der Menschen nachzudenken:
Sicher ist, dass bei der Organisation der Love Parade schwere Fehler geschahen und zwar aller Wahrscheinlichkeit von allen Seiten, vom Veranstalter, von der Politik wie auch von der Polizei. Niemand wollte der angeblichen Veranstaltung der Liebe im Wege stehen und in der Stadt Duisburg sowie im Land NRW sah man es wohl auch als eine Frage des Prestige, die Love Parade nach Duisburg zu bekommen. Auch um den Preis, von scheinbar bürokratischen Hindernissen abzusehen. Jetzt wissen wir, dass der Preis zu hoch war. Denn Menschen mussten dafür sterben.
Bei aller Betroffenheit und berechtigter Verärgerung gilt ohne Zweifel, dass niemand diese Toten wollte. Menschen haben fahrlässig gehandelt – Mörder sind sie nicht. Tragödien, Tote und Verletzte rufen schnell Rachegefühle hervor und verlangen nach Sündenböcken. Es muss Schuldige geben und man selbst ist rein. Einzelne Personen werden dämonisiert und für Alles verantwortlich gemacht. Die Dämosierung unterstützt die Sachaufklärung nicht, sondern führt dazu, dass sich die Benannten in der Ecke sehen, aus der sie dann durch Angriffe auf andere zu entfliehen trachten. Verteidigung um jeden Preis, Angriff zum Selbstschutz, auf der Strecke bleibt die Wahrheit.
Die Wirklichkeit ist komplexer. Die derzeitige Empörung gegen Einzelpersonen, die Fehler, schwere Fehler gemacht haben, ist nicht hilfreich. Sie hilft nicht den Toten und Verletzten. Sie hilft nicht den Trauernden und sie hilft auch nicht, künftig ähnliche Tragödien zu vermeiden.
Trauer sollte nicht zu Gnadenlosigkeit führen. Der Pranger macht die Toten nicht lebendig. Er heilt nicht die Wunden der Verletzten.
Eine Aufklärung der Sachverhalte ist notwendig, auch eine Klärung individueller Verantwortlichkeiten, vor allem aber eine Aufdeckung und Veränderung der Strukturen, die dazu beitragen, dass Menschen solche Fehler machen, um scheinbar das Richtige zu tun.
Die Love Parade diente funktional der Entpolitisierung. Eben deshalb wurde sie so großzügig gesponsert. In Zeiten zunehmenden Bewusstseins über Krisen und bei wachsenden Verarmungsängsten sind Mega-Veranstaltungen der Ablenkung willkommen. Die Love Parade war so harmlos, dass selbst die Christsozialen und -demokraten gegen ein bisschen scheinbaren Tabubruch nichts einzuwenden hatten. Sie alle wollten diese Love Parade.
Die Entscheider haben es wohl kaum individuell reflektiert, aber leiten leißen sie sich von dem alten Motto:
Brot und Spiele braucht das Volk.
Nach dem Ende ist vor dem Ende der Love Parade, andere Spiele werden folgen.





















