
Prof. Dr. Bernhard H. F. Taureck plädiert für eine Bildung außerhalb der Hoheit des Macht-Geld-Medien-Verbundes
Bei Gleichklang finden sich viele Menschen, die im Bildungs- und Pädagogik-Bereich arbeiten oder sich dafür interessieren. Deshalb freuen wir uns, einen Beitrag unseres Pressesprechers Prof. Dr. Bernhard H.F. Taureck zur Bildungsthematik hier einstellen zu können:
Das Bildungsvakuum nach dem Ende der humanistischen Bildungsforderung
Wir haben Bildungsministerien, Bildungspolitik, Bildungspläne, Bildungsreform, Bildungsausschüsse, Bildungsauftrag, Bildungsforschung. Haben wir auch Bildung? Was Bildungspolitik, Bildungsministerium und so fort bedeuten, lässt sich jeweils ohne Mühe angeben. Was aber bezeichnet Bildung? Offenbar macht diese Frage ratlos.
Bildung gilt vielen bestenfalls als eine Fremdsprache. Es bringt Vorteile, wenn man sie kann, doch man ist kaum ärmer, wenn sie einem nicht zur Verfügung steht. Bildung erscheint als ein Zusatz zur eigenen Intelligenzausstattung. Ohne Intelligenz keine Bildung. Aber mit Intelligenz benötigt man nicht notwendig Bildung.
Vor etwa 200 Jahren gab es in Deutschland noch keine Bildungspolitik, keine Bildungsreform und so weiter. Dafür war man nicht verlegen, wenn man umschreiben sollte, was Bildung bedeute. Bildung, so lautete damals der gemeinsame Nenner in Deutschland oder gar in Europa, sei Selbstentfaltung des Wesens des Menschen. Es gebe, so wurde sinngemäß weiter geantwortet, ein Wesen des Menschen, nämlich eine Formung seiner Antriebe durch Geist und Vernunft und im harmonischen Austausch mit seinesgleichen. Diese Antwort wird heute gern mit dem Namen Wilhelm von Humboldt verbunden, doch sie war von 200 Jahren eher Allgemeingut. Man nennt sie die humanistische Vision oder Version der Bildung. Der Name „Humanismus“ verweist dabei nicht allein auf das lateinische Adjektiv „humanus“, „zum Menschen gehörig.“ Humanismus meint ebenso etwas anderes. Es meint eine Kultur, der es gelang, das Wesen des Menschen, seine Geistigkeit und seine gesellschaftliche Harmonie, so vollständig zur Geltung zu bringen, dass sie Vorbild und Maßstab für jede andere Kultur bilden kann. Jene vorbildliche Kultur war, so will es die humanistische Bildung, die griechisch-römische Antike.
Wenn man dies annimmt, dann folgt: Je mehr jemand die Mythologie der Griechen, je mehr er von der Philosophie Platons und von Dichtung des Römers Horaz versteht, desto mehr ist er Mensch. Die griechische Mythologie, etwa der Kampf um Troja, die schreckliche Geschichte des Ödipus, der Widerstand Antigones gegen die Staatsgewalt, bleibt bis heute sicherlich faszinierend. Doch niemand vermag sie ganz zu überschauen. Ebenso geht es mit den Philosophen. Sie bleiben bis heute einer interessanter als der andere. Doch wir haben zu viele Texte für die Länge eines einzelnen Menschenlebens. Wie viele Griechisch-Lehrer am Gymnasium reden zum Beispiel ständig von Platon, kennen jedoch kaum den Namen des Neuplatonikers Plotin, geschweige denn eine seiner zahlreichen Schriften! Dasselbe gilt für die antiken Dichter. Allzu viele Texte sind auf uns gekommen, wir haben Gedichte, Epen, Dramen. Der Kenner weiß von Homer, den Tragikern und zahllosen anderen. Hat er jedoch auch Persius gelesen? Wie steht es mit Musäus? Wie mit Longinus? Wir haben darüber hinaus dichtungstheoretische Schriften und nicht zuletzt Texte so grundlegender Historiker wie Herodot, Thukydides, Livius oder Tacitus, ohne die wir über die antike Geschichte nur sehr wenig wüssten.
Hinzu kommt eine andere Schwierigkeit. Die Sprachen Griechisch und Latein werden seit vielen Jahrhunderten nicht mehr gesprochen. Man kann nicht einfach in ein Land fahren und sie dort im Austausch mit Muttersprachlern lernen. Wenn die alten Griechen und Römer unsere Griechisch- und Lateinkenntnisse beurteilen sollten, so würden sie unter Umständen schallend darüber lachen, was wir für Latein oder Griechisch halten. Wenn Sokrates zurückkehrte auf Erden, so könnte sich kein Gräzist mit ihm wirklich unterhalten. Ebenso gelänge es keinem Latinisten mit Caesar. Sokrates und Caesar gelangten dann vielleicht zu der Vermutung, die armseligen Professoren des Griechischen und Lateinischen seien in Wirklichkeit Clowns.
Was folgt daraus für die humanistische Bildung?
Wenn wir erst dann ganze Menschen sind, wenn wir die gesamte Antike kennen, dann schaffen wir es lediglich zu wenigen Prozent. Die humanistische Bildungsvision lässt uns zu Ein- bis Zehn-Prozent-Menschen werden. Sie stellt offenbar ein Bildungsangebot dar, hinter welchem jedermann weit zurück bleiben muss. Wir können uns trösten und den griechischen Arzt Hippokrates zitieren, der das Leben als kurz und die Kunst als lang bezeichnete. Wir können ebenso an jenen Sisyphos denken, den die Götter damit bestraft hatten, einen Felsbrocken eine Anhöhe hinaufzurollen, der ihm dabei jedesmal genau dann entglitt, wenn er sich am Ziele sah.
Die humanistische Bildung war nicht grausam. Sie war grundsätzlich überfordernd. Sie wollte den Menschen zu sich selbst führen. Der Weg dorthin erwies sich als übermenschlich.
Den beschriebenen Schwierigkeiten gesellte sich eine andere. Griechisch und Latein zu lernen, war ein Privileg tonangebender Schichten der Gesellschaft. Nur wenige lernten diese Sprachen. Viele scheiterten. Erfolgreich übrig blieb stets eine Minderheit.
Der Anspruch auf humanistische Bildung erweist sich somit als doppelt widersprüchlich, inhaltlich und in seiner Praxis. Sollen wir durch Aneignung der Antike wahrhaft Menschen werden, so ist diese Aneignung ein übermenschliches Ziel und wir alle bleiben kläglich hinter seiner Erfüllung zurück. Wenn es darum geht, durch Aneignung der Antike das Menschsein zu finden, dann müssten alle Menschen sich humanistisch bilden, und nicht lediglich eine Minderheit.
Durch Antikenkenntnis zu Menschen zu werden, darauf wurde von der Gesellschaft längst verzichtet. Humanistische Bildung ist etwas Vergangenes. Trotzdem besitzt sie noch immer eine Anziehungskraft, die zunimmt, je mehr wir von ihr entfernen. Es scheint, dass mit dem Streichen humanistischer Bildung jegliches gründliche Bildungsverständnis überhaupt gestrichen wurde. Bildung scheint ein Vakuum geworden zu sein. Bildungspolitik, Bildungsmanagement, Bildungsplanung verwalten uns.
Bildung wird nicht mehr öffentlich definiert. In Wirklichkeit besteht eine unausgesprochene Entscheidung über das, was als Bildung zu gelten hat.
Das stille Bildungsparadigma des Macht-Geld-Medien-Verbundes
Wer ist für Bildung zu ständig? Sind es die Lehrerinnen und Lehrer? Sicher. Doch sie werden dafür bezahlt, dass sie Lehrpläne praktizieren, die von den Behörden im informellen Auftrag einer Leistungsgesellschaft aufgestellt werden. Bildungszuständig ist somit die Leistungsgesellschaft selbst. Doch innerhalb der Gesellschaft existiert zusätzlich eine begründete Bildungskompetenz. Ihre Stimme ist die Forschung der Soziologie, der Psychologie und der Pädagogik. Wenn es sich so verhält, dann darf man behaupten, dass es gesellschaftlich eine doppelte Bildungszuständigkeit gibt. Die eine besteht aus Kräften der Leistungsgesellschaft privater und öffentlicher Art, welche Geld, Macht und Medieneinfluss besitzen. Wir können ihn als Macht-Geld-Medien-Verbund oder abgekürzt als MGMV bezeichnen. Die andere Zuständigkeit ist die der Wissenschaften Soziologie, Psychologie und Pädagogik, sofern sie Voraussetzungen, Verlauf und Resultate von Bildungsprozessen erforschen.
Wie sind diese beiden Instanzen beschaffen, wie verstehen sie Bildung und wie verhalten sich die beiden Instanzen zueinander?
Es ist genügend Wissen verfügbar in der Gesellschaft, um diese Fragen ansatzweise zu beantworten:
Die privaten und öffentlichen Kräfte der Leistungsgesellschaft, die mehr Macht, Geld und Medieneinfluss haben als der Rest, kann seine Macht gründen auf wirksame Organisation, auf Solidarität untereinander, auf eine elitespezifische Selbstlegitimation, auf eine Monopolisierung der Ressourcen und nicht zuletzt auf die Drohung mit Gewalt. Prozesse sozialer Machtbildung und Machterhalts weisen in der Regel die genannten Züge auf. Diese Merkmale sind nicht wertend. Es handelt sich um gesellschaftliche Tatsachen. In der Gesellschaft gibt es Gruppen mit effizientem Verhalten der Organisation, mit einer Solidarität der sich Organisierenden untereinander, mit dem Eigenverständnisses als Elite, mit dem monopolistischen Besitz von Ressourcen und schließlich mit der Gewaltdrohung zur Durchsetzung der eigenen Interessen. Da hier keine kriminelle Vereinigung beschrieben wird, sondern unsere normale Gesellschaft, so ist die Art der Gewalt zum Beispiel die Verhinderung von Aufstieg, die Versetzung, die Suspendierung oder die schlichte Entlassung. Doch Teil der Gewalt bildet bereits die Drohung. Drohung soll mit Angst beantwortet werden. Angst vor Versetzung, Suspendierung, Entlassung. Viel genereller jedoch: Angst vor Versagen gegenüber den Ansprüchen sozialer Beziehungen, an denen teilzunehmen man eingewilligt hat.
Die Inhaber von Macht, Geld und Medieneinfluss stehen jedoch ihrerseits unter gewissen Vorgaben. Sie möchten ihren Macht-, Besitz- und Medieneinfluss-Status nicht verlieren. Und sie wissen, dass sie unter dem bindenden Rechtsvorbehalt von Universalität stehen. Sie fordern diese Universalität bei jeder Gelegenheit ein, wenn es um andere, fremde Gesellschaften geht. Alle Menschen haben die gleichen Rechte und das gleiche Recht, Rechte zu haben.
Was tun daher die Inhaber von Macht und Besitz? Sie bekennen sich zur Universalität der Menschenrechte und schützen zugleich ihre Vorrechte.
Das gehe nicht anders, behaupten sie. Jeder Mensch habe zum Beispiel ein Recht auf Arbeit, besagen die Menschenrechte. Sobald jedoch eine demokratisch verfasste Gesellschaft ein Recht auf Arbeit ausdrücklich enthielte, müsste der Staat dirigistisch in die Wirtschaft eingreifen, mit der Folge, dass niemandem eine bezahlte Arbeit verwehrt würde. Das wäre das Ende der bestehenden Freiheit der Wirtschaft. Also darf es kein Recht auf Arbeit in der Verfassung geben. Die Menschenrechte, so die Mächtigen und Besitzenden, bleiben gleichwohl universell gültig. Doch man lebe nun einmal in einer Gesellschaft mit begrenzter Mitgliederzahl. Wenn man nicht in der Lage sei, alle Menschen zu beglücken, so dürfe man der eigenen Bevölkerung nicht das Wohl entziehen. Daraus wiederum folgern sie, dass dann auch die Begünstigung der eigenen Klientel normal und sogar geboten sei. Ein herzliches Bekenntnis zum Universalismus paart sich mit einem starken Protektionismus der eigenen Interessen.
Welche Vorstellung von Bildung wird dieser Gruppe der Leistungsgesellschaft entsprechen? Die Antwort darauf dürfte geläufig sein. Bildung ist für sie ein hohes Gut. Es ist gar die ursprünglichste Wertschätzung überhaupt. Und weil Bildung die ursprünglichste Wertschätzung darstellt, deshalb darf sie zu keiner Zeit in einer ökonomischen Verwertungsgesellschaft verloren gehen. Weiter lässt man sich nicht aus. Der Rest wird getan. Er wird nicht ausgesprochen. Wollte man ihn aussprechen, so müsste man Folgendes sagen: Bildung, als Wertschätzung, muss eine Preisschätzung einschließen. Bildung ist ein Wertsiegel mit Einkommensgarantien. Schulnoten oder Schulzensuren sind in dieser Ansicht die notwendigen Komponenten, aus denen sich das Wertsiegel der Bildung zusammensetzt wie ein Depot aus Aktien und Goldbarren. Bildung ist geleistete Leistung in Gestalt von Kompetenz für eine zu leistende Gegenleistung in Gestalt von Bezahlung.
Der schwache Protest der Bildungswissenschaften
Erheblich anders sieht man Bildung aus der Sicht der zweiten gesellschaftlichen Instanz der Bildung, das heißt der Psychologie, der Soziologie und der Pädagogik. Auch wenn man sich untereinander nicht einig ist vor allem hinsichtlich der zur Bildungsanalyse geeigneten Methoden, so kann man sich angesichts der gängigen Wert-Preis-Relation der Bildung darauf verständigen, dass Bildung etwas anderes bedeutet. Die Macht- und Besitzelite lässt offenbar außer Acht, dass sich in Prozessen der Bildung etwas vollzieht, was kognitive und kreative Potenziale der Menschen zur Geltung bringt. Wie weit und ob überhaupt der Schulunterricht diese Potenziale angemessen oder nicht vielmehr verzerrt oder missglückt fördert, ist bislang noch immer unklar. In jedem Fall lässt sich von Schulzensuren nicht darauf schließen, was jemand zu leisten imstande ist und was nicht. Wenn Schulzensuren, verstanden als Zugangsberechtigungen, wie Geld umlaufen, so handelt es sich in diesem Fall um Falschgeld.
Der MGMV, der Macht-Geld-Medien-Verbund, und die Wissenschaften nehmen einander ungern wahr und wären froh, wenn der andere nicht existierte. Für die Machtelite kommt alles darauf an, dass die Schulen nicht in Abhängigkeit geraten von den Bildungswissenschaften. Ginge es nach den Bildungswissenschaften, so müsste verhindert werden, dass die Lernpotenziale verfälscht werden durch Unterricht und dass Lernvorteile mit Geld gekauft werden können.
Das Spiel der gegenseitigen Nichtbeachtung und Ausschaltung von Bildungswissenschaft und Machteliten ist unfruchtbar, langweilig und bedauerlich. Die Machtinhaber sind den Bildungswissenschaften intellektuell unterlegen. Doch die Wissenschaftler nutzen diesen Vorteil nicht. Sie beschränken sich auf die Pflege ihren kleinen Experimentalgärtchen und überlassen das Feld denen, die Macht, Geld und Medieneinfluss besitzen.
Die Hoheit über die Bildung hat faktisch der Macht-Geld-Medien-Verbund. Die Bildungswissenschaften tun nicht, was sie hätten tun können oder tun sollen: Sie treten nicht in eine öffentliche Konkurrenz ein um die Definition von Bildung. Verständlich ist ihr Verhalten durchaus. Denn alles, was der humanistischen Bildung folgte, hat nicht mehr deren umfassenden Zug angenommen. Das Ende der humanistischen Bildung scheint auf diese Weise das Ende der Bildungsdefinition herbeigeführt zu haben. Das trifft jedoch nicht zu. Vielmehr der Macht-Geld-Medien-Verbund die Definition der Bildung besetzt. Allerdings unter der Bedingung, dass man darüber kein Wort verliert. Bildung soll praktiziert werden als geleistete Leistung als Kompetenz für eine zu leistende Gegenleistung als Bezahlung.
Der mögliche Konflikt zwischen der Bildung als Privileg und einer philosophisch fundierten Bildung
Gibt es keine weiteren Instanzen, die über Bildung im Ganzen zu urteilen imstande sind? Es gibt sie. Es gibt sie als Aktivität der Kunst und als philosophisches Denken. Da werden sich die öffentlich ungern zeigenden Mitglieder des Macht-Geld-Medien-Verbunds aber freuen! Künstlerische und philosophische Aktivitäten! Das sind kulturproduktive Minderheiten, die man gerne sieht. Die man fördert. Die man zitiert. Die man hofiert. Die man preist. Die man nicht verhaftet. Die nie unbequem sein können. Die man frei lässt, weil sie Narren sind. Es sind die Sokratesse, die keine Todesfurcht haben, weil ihre Bildung sie mit dem Sterben aussöhnt. Es sind die Diogenesse, die luxuslos leben und die Eroberer bitten, aus der Sonne zu treten. Es sind die Antigones, die hinter der Maske des Gesetzes den Tyrannen entlarven. Es sind die nomadischen Don Quijotes, die sich mit Offizieren verwechseln, welche ein neues Goldenen Zeitalter ohne Eigentum und gebildet aus dem Stoff der Harmonie der Herzen zurückbringen. Es sind die Hamlets, die aus den Fugen geratene Zeiten wieder einzurenken sich aufmachen. Es ist die Iphigenie Goethes, die das Reich der Menschenschlachtung in ein Reich der Menschenachtung verwandelt. Es ist der jüdische Friseur, der in der Uniform des Großen Diktators verkündigt: „We want to live by each other’s happiness – not by each other’s misery.“ Man kennt sie. Man schätzt sie. Jedoch unter der Bedingung, dass sie scheitern oder utopischen Äther atmen.
Greifen wir ein Beispiel heraus. Man behauptet, Satire könne dem Macht-Geld-Medien-Verbund gefährlich werden. Das gilt indes lediglich dann, wenn er ohnehin in Gefahr ist wie 1789 in Frankreich, wo der Diener Figaro sich in der Komödie dem Recht seines Herrn auf die Erste Nacht widersetzt. Ansonsten mag die Satire alles aufdecken. Die Machteliten machen weiter wie zuvor. Das gilt auch für den Film Der diskrete Charme der Bourgeoisie von 1972 jenes großen spanischen, dem Surrealismus verbundenen Regisseurs Luis Buñuel. Dieser Film zeigt die Bourgeoisie verfolgt und durchsetzt von einem Fantasma. Es ist das Fantasma ihrer Selbstauflösung. Man kommt nicht mehr zu dem begehrten kulinarischen und sexuellen Genuss. Man zieht ziellos und mit Kokain handelnd seinen Weg in Terror und Gegenterror. Die Macht-und-Geldelite agiert jenseits aller Bildung. Bildung wurde zuvor ja eingetauscht gegen Einkommen.
Dieser Film ist Teil der großen Filmgeschichte und damit Teil unserer Kultur. Und das Fantasma der Selbstauflösung? Vielleicht im Sinn des Regisseurs Buñuel, vielleicht aber auch der Machtelite in ihrem Selbstverständnis als Stütze der Demokratie wird man nach mehr als vier Jahrzehnten wie folgt fortsetzen dürfen: Wenn in Buñuels Film die Bourgeoisie noch als handlungsunfähig gezeigt wird infolge ihres Selbstauflösungsfantasmas, das sie verfolgt, so ist heute alles anders. Der Macht-Geld-Medienverbund setzt die Selbstauflösung instrumentell ein, um sich in dieser Inszenierung als Ordnungsmacht zu zeigen. Dementsprechend ist auch die große Finanz- und Wirtschaftskrise zweideutig. Sie ist Ort der Bedrohung des Gesamtsystems. Sie ist zugleich Ort der Rettung des Gesamtsystems. All dies geschieht außerhalb von Bildung. Bildung ist für den Macht-Geld-Medienverbund der immaterielle Input für materiellen Output. Jenseits des immateriellen Bildungs-Inputs wird Wirklichkeit manipuliert. Das, so wird man einwenden, sei keine neue Einsicht. Dennoch sind damit neue, bedrohliche Züge verbunden. Die Machtelite weiß um die Gefahr ihres eigenen Endes. Sie kreist um sich selbst in dem Glauben, dass Totgesagte länger leben als die anderen. Die Machtelite könnte ein Interesse daran haben, die Demokratie zu überleben. Sie könnte zunehmend zu der Überzeugung gelangen, dass Welt alles das ist, was jenseits der Bildung stattfindet und was sich als manipulierbar erweist.
Was aber, fragt man sich nun mit Recht, was bietet künstlerische und philosophische Aktivität als Gegeninstanz der Bildung zu dieser fortschreitenden Selbstermächtigung des Macht-Geld-Medienverbunds? Jeder weiß, dass künstlerische und philosophische Optionen über keine Macht, kein Geld, keinen Medieneinfluss und über keine empirischen Verfahren verfügen, eine Definition von Bildung zu liefern. Soweit die Negativbeschreibung. Gibt es nicht auch eine Positivkennzeichnung?
Wie, wenn man den positiven Beitrag aus Kunst-und Philosophieaktivitäten zum Bildungsthema so formulierte: Bildung ist Modellierung des Möglichen für alle? Die Machtelite will Bildung absolvieren, um sich danach zu einer gigantischen Manipulation aufzuschwingen, deren Ziel die eigene politische Selbsterhaltung durch Inszenierung ihres Selbstverlustes sein könnte. Dem Erzeugen des Falschen, dem Manipulieren wäre nunmehr das Modellieren entgegengesetzt.
Modellieren des Möglichen? Wenn diese Bildungsdefinition öffentlich diskutiert würde, so könnte der Macht-Geld-Medienverbund darin – zunächst – keinerlei Probleme wahrnehmen. Im Gegenteil. Er könnte darin das Ziel der musischen Fächer einschließlich der Interpretation fiktionaler Texte sehen. Modellierung des Möglichen ist Teil einer immateriellen Bildung, die irgendwann über Zensuren Einkommensansprüche begründet. Doch so einfach ist die Sache nicht. Die Machtelite unterliegt hier einer Verwechslung. Sie versteht das Mögliche als das Unwirkliche. Kunst-, Musik- und Literaturunterricht geht ihrer Ansicht nach mit Unwirklichem um. Das ist ungefährlich, sofern und solange über Zensuren eine Auslese der Gewinner und Verlierer betrieben wird.
Bringt man an dieser Stelle philosophisches Denken ins Spiel, so zeigt sich: Modellieren des Möglichen ist zu einem Teil Beschäftigung mit Unwirklichem, zu einem anderen Teil jedoch nicht. Antigone zum Beispiel ist eine unwirkliche Person. Ich kann ihr nicht schreiben, ich kann sie nicht treffen, nichts mit ihr vereinbaren. Ihre Handlungsweise, ihr Widerstand gegen das Staatsgesetz und dessen Entlarvung als tyrannischen Willen eines Alleinherrschers ist eine Handlung, die jeder als möglich betrachten und aus ihrer Möglichkeit in die Wirklichkeit eines ähnlichen Handelns überführen kann. Eine Antigone-Lektüre kann zum Ungehorsam führen, zivil und nicht zivil.
Der Macht-Geld-Medienverbund verbreitet ständig die Nachricht, er fördere die Jugend, die Kultur, die Bildung und er sei tolerant. Doch Toleranz müsse die Gesellschaft auch schützen. Schule darf nicht Schule des Ungehorsams sein. Der Macht-Geld-Medienverbund hat auch die Macht der Drohung.
Nunmehr könnte sich die Bemühung um eine Bildungsdefinition als Modellieren des Möglichen zuspitzen, sofern eine öffentliche Diskussion in Gang käme. Wer über die Ordnung verfügt, verlangt Gehorsam. Jeder denke selber, aber er gehorche! sagte Kant im Namen der Aufklärung in Preußen. Der aufgeklärt absolutistische Herrscher erlaubte Gedankenfreiheit als Belohnung für den Gehorsam gegenüber den Gesetzen. Eine Demokratie beruht dagegen darauf, dass Herrschaft nicht allein für, sondern durch das Volk ausgeübt wird. Dazu wird ein Gemeinwille erforderlich, der aus allen kommt und dem sich alle unterwerfen. Das ist der demokratische Gesellschaftsvertrag, der alle frei und gleich sein lässt. Jeder folgt den gemeinsam aufgestellten Regeln. Doch dies ist lediglich ein erwünschter Zustand, wie Rousseau deutlich erkannte. Der demokratische Gesellschaftsvertrag gerät nämlich ohne Mühe in die Hände von Machteliten. Sie fordern im Namen der allgemeinen Ordnung: Man gehorche!
Worin besteht sie, die allgemeine Ordnung, der man gehorchen soll?
Wir haben es bezeichnet: Sie ist das Bekenntnis zum Universellen, zu dem, was für alle Menschen gilt. Doch da jeder Staat für das Wohl seiner Bürger verantwortlich ist und einige Bürger infolge ihres Reichtums ihm nützlicher sind als andere, so geht das kalte Bekenntnis zum Universellen einher mit der heißen Protektion weniger. Der Macht-Geld-Medienverbund kann im Namen aller Menschen die Sache der Privilegierten verkünden und betreiben. Eine Ressource seiner Macht ist sein Bildungsverständnis, das heißt die geleistete immaterielle Leistung, die eine materielle Gegenleistung als Einkommen garantiert. Bildung ist Privileg für Privilegierte. Die bezeichnete philosophische Sicht steht dem entgegen: Bildung ist Modellieren des Möglichen für alle. Das Mögliche schließt dabei nicht aus, dass die bestehende Ordnung in Frage gestellt wird.
Damit wäre der Konflikt zwischen einer Bildung als Privileg für Privilegierte und einer Bildung als Modellieren des Möglichen für alle offenkundig. Man kann ihn leugnen und verschweigen. Dann erscheint er wieder oder wird lauter ausgesprochen als zuvor. Das System kann versuchen, ihn zu ihren Gunsten zu instrumentalisieren in dem bezeichneten Sinn, dass die Inszenierung seiner Selbstabschaffung das System am Leben hält. Doch diese Fortsetzung jenes „diskreten Charmes der Bourgeoisie“ funktioniert hier nicht. Sie funktioniert lediglich dann, wenn die Inszenierung der Selbstabschaffung von der Machtelite selbst vorgenommen wird. Wenn aufmüpfige Schüler und Schülerinnen, wenn die Reaktanz von Lehrerinnen und Lehrern sich einem Modellieren von Möglichkeiten des Widerstands verschreiben, dann sind sie Verderber des Spiels, weil sie nicht gesteuert sind vom System.
Nach dem Ende der übermenschlichen und minoritären humanistischen Bildung scheint Bildung vollständig in Bildungspolitik, Bildungsreform, Bildungsplanung administrativ verwaltet zu werden, um als privilegierter Zugang zu Einkommenshöhen praktizierbar zu bleiben. Doch der Schein trügt. Bildung in einer demokratischen Gesellschaft könnte im Widerstreit zwischen Privileg für Wenige und Möglichkeitsmodellierung für Alle stehen. Die Definition von Bildung ist dann nichts Selbstverständliches und nichts durch stumme Machtsetzungen zu Erledigendes mehr.
Wann aber zeigt sich das? Es zeigt sich, sobald es gelingt, öffentlich auszusprechen, was der Macht-Geld-Medien-Verbund unter Bildung versteht. Wenn es gelingt, das Monopol des Schweigens über die faktisch durchgesetzte Bildungsdefinition zu brechen.
Mit dem Ende des Schweigens über die Bildungsdefinition vermag ein Wettbewerb der Bildungsdefinitionen einzusetzen. Der Macht-Geld-Medien-Verbund hat bisher erfolgreich für ein Schweigen gesorgt. Er kennt seine eigene intellektuelle Schwäche. Reden ist seine Stärke nicht.
Bildung als Sprengung der Vorurteile?
Bildung ist nicht allein Modellieren des Möglichen. Sie geschieht als wirkliches Modellieren dessen, was möglich ist. Wirkliches Modellieren heißt: Niemand vermag sich isoliert zu bilden. Bildung nimmt, bevor sie gibt.
„Und was man ist, das bleibt man andern schuldig.“ (Goethe, Torquato Tasso, Vers 106)
Modelliert wird gemeinsam für das Gemeinsame. Wirkliches Modellieren von Möglichem ist deshalb ein Soziales Plasma.
Um Bildung in diesem Sinn eines sozialen Plasmas zu verdeutlichen, sei abschließend eine kleine Geschichte erzählt. Alle kennen kennen sie. Es handelt sich um jenes Höhlengefängnisgleichnis in Platons Schrift über den Staat. Die humanistische Bildung hat es gewendet und gewendet. Doch sie hat nicht vermocht, es zu modernisieren und es als wirkliches Modellieren neu zu erfinden. Hier ein Versuch der Neuerfindung:
Wir alle sind wie mit Ketten an unsere Vorurteile gefesselt. Wir halten alles für wahr, was sie uns darbieten. Unsere Zeitung, unser Fernsehkanal, unsere Internetseiten beliefern uns zuverlässig mit dem, was der Fall ist. Dass wir bloße Schatten von Gegenständen und Menschen für Gegenstände und Menschen halten, für diese Verkennung sind wir gern blind.
Man sagt, wir leben in einer Wissensgesellschaft. Doch wissen wir anzugeben, was Wissen heißt? Wir sagen meist: Wir glauben etwas zu wissen. Wir glauben zu wissen, dass wir in einer Wissensgesellschaft leben. Welche seltsame Formulierung, welcher Mischmasch aus Glauben und Wissen! Was meint etwas zu glauben anderes als: So und so ist etwas, obwohl ich die Gründe, die dagegen sprechen, nicht entkräften kann. Wenn ich dagegen etwas weiß, dann bejahe ich etwas, weil ich keine Gegengründe kenne. Wissen und Glauben sind somit verhältnismäßig deutlich geschieden und erkennbar. Das Ärgste jedoch ist das Vorurteil. Es ist bloßer Glaube, der sich als Wissen gibt.
Doch die Ketten der Vorurteile sind nicht aus Stahl, sie sind aus Dummheit, aus Gewohnheit, aus Faulheit. Ein einziges Erkenntnisurteil sprengt sie in einer Nanosekunde.
Wirkliches Modellieren des Möglichen setzt mit diesem Sprengen der Ketten aus Dummheit, Gewohnheit und Faulheit ein. Meine Nano-Spreng-Sekunde ist sofort auch Deine und sofort auch Seine.
Die aber noch in Ketten sind, sie drohen damit, uns zu ersticken. Für wen halten sie sich? Für wen uns? Für Schatten? Schatten wollen Schatten ersticken?
Sprechen wir laut! Alle sollen es hören. Es ist nicht ausgeschlossen, dass aus einer Nanosprengsekunde dann eine Zeit der Sprengungen wird.
Ob aus den Sprengungen eine Befreiung würde, ist offen. Der Macht-Geld-Medien-Verbund kennt seine eigene intellektuelle Schwäche. Die Modellierer des Möglichen sollten seine Verschlagenheit kennen.

