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Chancen und Risiken der Beziehungsvermittlung im Internet
Die folgenden Überlegungen gliedern sich in zwei Teile. Ein erster Teil gilt Analysen des Risikos, ein zweiter zieht daraus Konsequenzen in Gestalt eines Kleinen Ratgebers für alle, die über Internetagenturen Beziehungen suchen.
Erster Teil: Analysen des Risikos
Das Internet als Modernisierung der Kommuniktionsmöglichkeiten
Wie lässt sich die Beziehungssuche im Internet passend klassifizieren? Die Antwort, die vermutlich alle verstehen und akzeptieren werden, lautet: Beziehungssuche im Netz stellt die technisch modernisierte Form der Beziehungssuche dar. Sie bildet eine Modernisierung, welche vier Vorteile bietet: Zeitgewinn, Gewinn an Wahlmöglichkeiten, Erhöhung der Informationsgenauigkeit und schließlich mehr unmittelbare Kommunikation. Jeder kennt das. Zeitgewinn: Zwischen Sendung und Antwort kann wenig Zeit liegen. Mehr Wahlmöglichkeiten: Je mehr Personen im Netz suchen, desto mehr Menschen werden dort fündig. Genauere Information: Je mehr ich meine Wünsche präzisiere, desto mehr kann nach denen gesucht werden, die ihnen entsprechen. Mehr unmittelbare Kommunikation: Man spart sich den Umweg des Postweges.
Diesen vier Vorzügen der technischen Modernisierung steht ein großer Nachteil gegenüber: Modernisiert wird gleichfalls die Betrugsmöglichkeit. Man muss unterscheiden zwischen Anbieterbetrug und Betrugsteilnehmern. Anbieterbetrug kann bedeuten: Es wird lediglich kassiert, doch man wird nicht an ein System der Personenvermittlung angeschlossen. Schlimmer: Hinter den Anbietern stehen organisierte Menschenhändler. Betrugsteilnehmer kann schlimmstenfalls bedeuten: Jemand fälscht absichtlich seine Daten und sucht nicht nach Beziehungen, sondern nach Opfern.
Ist das Netz und sind Beziehungsbörsen daher Quellen des kriminellen Missbrauchs? Wenn es so wäre, dann müssten sie per Gesetz verboten werden. Eine alte Rechtsregel besagt indes, dass der Missbrauch den Brauch nicht ungültig werden lässt, abusus non tollit usum. Diese Regel ist hilfreich. Nehmen wir ein anderes Beispiel, die Schriftsprache. Seitdem die Menschen Briefe schreiben, Berichte, Protokolle oder Dokumente, besteht die Möglichkeit, dass sie damit betrügerische Zwecke verfolgen. Doch ist deshalb die Schriftsprache als Ort der Verständigung entwertet? Mitnichten. Ist die menschliche Sprache dadurch entwertet, dass man sich ihrer bedient, um zu lügen? Mitnichten. Vielmehr können Lügen wiederum mithilfe der Sprache bestimmt und aufgedeckt werden. Wir benötigen die Sprache für vielfache Zwecke legitimer Kommunikation.
Wenn wir dies bedenken, dann müssen wir analog für die betrügerische Nutzung des Internets feststellen: Seine trügerische Nutzung ist wiederum mit seiner Hilfe bestimmbar und aufdeckbar. Es besteht kein Grund zur Annahme, dass das Internet die Kriminalität erhöht. Denn Möglichkeiten, Internetkriminalität zu orten und aufzudecken, stehen mit dem Internet zugleich bereit. Ebenso benötigen wir das Internet für vielfache Zwecke legitimer Kommunikation
Mit dem Thema des Betrugs und Verbrechens verweist das Internet und die Beziehungssuche im Netz auf etwas hin, was dem Internet noch immer zugrunde liegt und zugrunde liegen wird, nämlich die Möglichkeit menschlichen Verhaltens, menschlicher Einstellungen und menschlichen Tuns. Sinnvoll über Beziehungssuche im Netz zu sprechen, besagt daher, dass dies erfolgreich allein dann geschehen kann, wenn die Möglichkeiten menschlichen Tuns einbezogen werden.
Um uns dieser menschlichen Dimension zu nähren, sei eine Anekdote erzählt. Sie illustriert, was Chance und was Risiko bedeuten kann für uns bedeuten kann. Ein berühmter Maler der Antike namens Apelles wollte einmal auf einem Gemälde mit einem Pferd den Schaum des Pferdes malen. Doch das Glück ließ ihn im Stich. Immer wieder misslag sein Vorhaben. Eines Tages geriet er darüber so in Wut, dass er einen farbigen Schwamm auf das Gemälde warf und somit riskierte, seine gesamte bisherige Arbeit zu vernichten. Und siehe da, der Abdruck des Schwammes auf dem Gemälde, genau er ergab, wonach er vergeblich gesucht hatte: Der Abdruck des Schwammes malte den Schaum perfekter, als er es selbst je mit Hilfe eines Pinsels hätte erreichen können. Das Gelingen ereilte ihn in dem Augenblick, als das Risiko des Scheiterns am größten wurde.
Können wir das auf die Suche eines geliebten Menschen im Netz übertragen? Wir können, auch wenn diese völlig paradoxe Beziehung von Risiko und Gelingen die Ausnahme bleibt. Was sollte man wissen über die sog. Partnervermittlung im Internet? «Partner» ist übrigens ein unnötig versachlichender Ausdruck. Denn es geht ja um Liebe oder – bei Gleichklang – auch um Freundschaft. «Partner» steht dagegen auf Schildern von Anwaltskanzleien. Partner sind Geschäftspartner.
Was man wissen sollte, sind die grundsätzlichen Bedingungen für Risiko und Chancen, die in den Portalen wirksam sind. Um sie zu bestimmen, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man beschränkt sich auf die Partneragenturen, ihre Strategien und ihre Erfahrungen. Oder man formuliert möglichst allgemeine Annahmen über Risiko und Chance, um diese dann mit den Strukturen und Erfahrungen der Suchportale zu verknüpfen. Ich möchte an dieser Stelle den zweiten Weg betrachten. Denn ich gehe davon aus, dass es keine isolierten Systeme gibt. Es wird also hier beansprucht, allgemeine Hypothesen über Risiko und Chancen zu formulieren und zu vergleichen mit dem, was in den Portalen geschieht.
Was Risiko im Allgemeinen bedeutet
Jedem ist klar, dass Chancen und Risiko aufeinander bezogen sind. Wenn jemand auf einer Reise – sagen wir nach Berlin – die Chance hat, einen Freund oder eine Freundin zu finden, dann besteht zugleich das Risiko, dass er sie dort nicht findet. Chance bedeutet, so gesehen, Gelingen unter Abzug des Risikos. Risiko bedeutet Misslingen unter Abzug des Gelingens. Wenn man von dem einen spricht, spricht man automatisch von dem anderen. Um nicht in den Verdacht von Romantizismus zu geraten, will ich nicht von den Chancen, sondern vom RISIKO ausgehen. Soweit ich sehe, gibt es keine allgemein akzeptierte Bedeutung von Risiko.
Risiko enthält verschiedene Bezüge. Kaufe ich einen Gebrauchtwagen, so besteht der Nachteil oder die Gefahr, dass mir Mängel verschwiegen werden. Ich selbst bewirke jedoch, dass mir Nachteile oder Gefahren entstehen. Denn ich bin der Käufer. Risiko meint somit 1. drohender Nachteil oder Gefahr, welche ich selbst bewirke. Nachteile und Gefahren wie verborgene Mängel sind zwar per Gesetz verboten beim Verkauf eines PKW, doch niemand vermag sie völlig auszuschließen. Daher meint Risiko 2. die Nicht-Eliminierbarkeit von Nachteilen oder Gefahren. Jeder schätzt bei jeder Handlung ab, welche Nachteile oder Gefahren sie mit sich führen könnte. Doch das vermag er lediglich aufgrund vergangener Nachteile oder Gefahren. Nun wissen wir, dass das Künftige anders ausfallen kann als wir es kannten. Ein Schluss vom Vergangenen auf Künftiges gilt nicht. Daher meint Risiko 3. die unvermeidliche Fehleinschätzung künftiger Nachteile oder Gefahren auf der Basis vergangener. Etwas Viertes kommt hinzu. Weiß ich, wie ich reagieren werde, wenn mein Auto plötzlich teilweise versagende Bremsen hat, die mir der Verkäufer verheimlichte? Werde ich ihn bedrohen? Ihn um Schadensersatz ersuchen? Strafanzeige stellen? Werde ich im Affekt reagieren oder nicht? Ich weiß es nicht. Ich vermag es nicht vorwegzunehmen. Daher meint Risiko 4. die grundsätzliche Nichtvorwegnehmbarkeit der eigenen Reaktionen auf Nachteile oder Gefahren.
Man erkennt leicht, dass mit diesem vierfach bestimmten Risiko zugleich Chancen mittelbar vierfach bestimmt werden: Wer nicht Nachteile oder Gefahren erfährt, obwohl sie bestehen, hat seine Chancen erfolgreich genutzt.
Für die Suche nach einem geliebten Menschen über eine Agentur heißt das: Die Suchende ist selbst Urheberin der Nachteile und Gefahren. Ohne ihre Suche kein Risiko. Sie vermag, solange sie sucht, die Nachteile oder Gefahren nicht zu eliminieren. Ebenso schätzt sie sie nach dem ein, was sie bisher in ihrem Leben erfuhr. Doch diese Einschätzung ist prinzipiell trügerisch. Schließlich weiß auch sie nicht, wie sie reagieren wird, falls Nachteile oder Gefahren eintreten werden. Affektiv, rational, aufbrausend oder gelassen?
Diese allgemeinen Angaben zum Begriff des Risikos erweisen sich als alltagsrelevant. Indes lohnt es sich, noch weiter zu gehen. Risiko kann sich auf sehr verschiedene Inhalte beziehen. Das größte Risiko ist der eigene Tod. Wir suchen ihn im Durchschnitt zu vermeiden. Große Risiken sind Verlustrisiken: das eigene Vermögen, die eigene Gesundheit, die eigene Arbeit, der Verlust lieber Menschen. Empirisch macht die eigene Gesundheit und die anderen Menschen 70% des eigenen Glückserlebens aus. Geld und Eigentum dagegen lediglich 10%. Daraus folgt als Abfolge der großen Risiken: Eigener Tod, eigene Gesundheit, andere Menschen.
Im Folgenden soll von zwei Bezügen des Risikos gesprochen werden, vom Risiko im Hinblick auf Information einer- und vom Risiko im Hinblick auf die Individualisierung andererseits. Grund: Wir verstehen uns als Teil einer Informations- und Riskiogesellschaft. Im Anschluss wird es darum gehen, einen Kleinen Ratgeber zu liefern über alle relevanten Fragen der Suche nach einem geliebten Anderen über ein Internetportal. Am Ende schließlich wartet noch eine gewisse Überraschung.
Risiken und Chancen der Information
Was bedeutet Information? Information heißt maximal: identischer Inhalt in zwei verschiedenen neuronalen Systemen. Ich stelle demnach exakt dasselbe vor wie du, er, sie, es. Du wie ich. Wir weichen in nichts ab voneinander. Unsere Vorstellungen sind nicht nur ähnlich, sie sind vielmehr kongruent. Da diese Kongruenz jedoch nicht gegeben und gezeigt werden kann (in früheren Jahrhunderten sagte man: eine Gottheit weiß genau, was verschiedene Menschen wissen, wollen und fühlen), besteht lediglich eine mittlere oder minimale Information: Information ist ein Inhalt, der von verschiedenen neuronalen Systemen ähnlich dargestellt wird oder dargestellt werden kann.
Beispiel: Eine Frau sei 50 Jahre alt, unverheiratet, berufstätig und kinderlos. Hier sind sechs Inhalte zusammengefasst: Eine+Frau+50Jahre+unverheiratet+berufstätig+kinderlos. Nennen wir dies: i-6. Gibt die Frau diese Inhalte an einen Mann weiter, so werden die Inhalte verschieden bezogen: Für sie gelten sie. Für ihn gelten sie. Sie vermag jedoch nicht zu wissen, was i-6 für ihn besagen. Und er weiß nicht, was i-6 für sie besagen. Für sie kann zum Beispiel 50 Jahre jung besagen, für ihn derselbe Inhalt alt. Wenn sie 50 Jahre als Teil von i-6 mit der impliziten Kundgabe verknüpft «Ich bin jung», dann ist es unbegründet zu erwarten, dass er dies in «Sie ist jung» übersetzt. Dies ist ein Beispiel für mittlere oder minimale Information, die auf eine Verschiedenheit der Deutung hinausläuft.
Es gibt andere Verschiedenheiten: Verschiedenheit des Irrtums. Sie teilt 50 Jahre mit, er versteht jedoch – ähnlich groteske Missverständnisse kommen vor – irrtümlich 50 Haare und folgert, sie trage eine Perücke. Eine dritte Verschiedenheit ist die der Absicht: Sie will ehrlich sein, er aber geht grundsätzlich von Täuschung aus.
Wie umgehen mit diesen Verschiedenheiten? Die Verschiedenheit der Deutung kann durch Verständigung über die Deutung ermittelt werden. 50 Jahre: Jung/alt.
Die Verschiedenheit des Irrtums kann durch Verständigung über den Irrtum aufgeklärt werden: Jahre/Haare.
Und die Verschiedenheit der Absicht? Absicht ist etwas, was wir eher zurückhalten. Der französische Moralist La Rochefoucauld sprach uns Menschen eine verborgene Absicht zu, nämlich Eigenliebe. Wer beispielsweise Lobreden auf sich selbst zurückweist, der möchte in Wirklichkeit zweimal gelobt werden. Eine andere Hypothese lautet: Wir suchen verborgen nach Macht. Absichten lassen sich vielleicht ermitteln und über sie vermutlich aufklären. Doch sie entziehen sich. Sie lassen sich bedingt erschließen. Sie erschließt aus dem Verhalten ihres Gegenübers, dass er Täuschung vermutet, er aus ihrem, dass sie ehrlich sein möchte.
Wenn dies zutrifft, dann ist eine sich als Informationsgesellschaft verstehende Gesellschaft insofern zugleich eine Risikogesellschaft, als jede Information minimal oder mittlerer Art bleibt, das heißt zu keiner Zeit identische Inhalte in verschiedenen neuronalen Systemen aufweist. Das Risiko besteht dabei im Nicht-Erreichen von Ermittlung über Deutung, Aufklärung von Irrtum und Erschließung von Absichten.
| Verschiedenheit//Umgang damit |
Lösung |
Risiko |
| DEUTUNG |
Ermittlung der Deutungen |
Fehlschlagende Ermittlung |
| IRRTUM |
Aufklärung der Irrtümer |
Fehlschlagende Aufklärung |
| ABSICHT |
Erschließung der Absichten |
Fehlschlagende Erschließung |
Wenn es sich so wie dargelegt verhält, dann ist eine Informationsgesellschaft stets deshalb eine Risikogemeinschaft, weil Information Ermittlung, Aufklärung und Erschließungen ebenso benötigt, wie nicht durchgängig erfolgreich erzielt werden. Gilt auch das Umgekehrte? Ist eine Risikogemeinschaft automatisch eine Informationsgemeinschaft? Ja. Denn das Risiko ist hier definiert in Bezug auf und in Abhängigkeit von Informationsabgleichungen. Gäbe es keine Informationsabgleichungen, dann gäbe es auch kein Risiko.
Der Ausdruck «Informationsgesellschaft» ist trügerisch. Er legt nahe, dass es möglich ist oder möglich wäre, dass jeder beliebige Teilnehmer zu jeder beliebigen Zeit alle ihm übermittelten Inhalte genau so abbildet, wie sie ihm übermittelt werden. Jeder weiß indes, dass Ort und Zeit einer Veranstaltung, die er als Mail, Fax, Brief und im Netz findet, ihn Ort und Datum eher vergessen lassen. Informationsredundanz führt leicht zu einer Abnahme der Bereitschaft, Information aufzunehmen.
Was folgt aus diesen Strukturen für die Beziehungsvermittlung im Netz? 1. Dass eine Identität eines informationellen Inhaltes in zwei Personen zu suchen vollständig unmöglich ist. Somit: Abschied von der Vorstellungskongruenz zweier Menschen. 2. Mögliche Suche nach: der erfolgreichen Vermittlung verschiedener Deutungen, der erfolgreichen Aufklärung von Irrtümern und schließlich nach der erfolgreichen Erschließung der fremden und der eigenen Absichten. Somit: Nicht Suche nach dem geringeren Übel, sondern Suche nach dem relativ Passenden, wenn das absolut Passende zu finden von vornherein unmöglich ist. Chance ist hierbei das Finden des relativ Passenden unter Abzug aller drohenden Nachteile und Gefahren. 3. Es bleibt noch ein Drittes, nämlich die Offenheit für eine glückliche Paradoxie: Demjenigen, der das absolut Passende nicht sucht, dem kann es zustoßen, es gleichwohl zu erleben. Zwei Personen können einander als gleichsam kongruierend erleben, obwohl oder gar weil sie wissen: Suchen lässt diese Kongruenz des Denkens, Wollens und Fühlens nicht. Den Glücklichen würde es gehen wie dem eingangs erwähnten Maler Apelles, dem der Schaum des Pferdes in dem Augenblick zu malen gelang, als er, außer sich vor Wut und Verzweiflung, den Schwamm auf die Leinwand schmiss. «Kunst, so Nestroy im 19.Jahrhundert, «ist, wenn man’s nicht kann, denn, wenn man’s kann, ist’s keine Kunst»…
Risiken und Chancen der Individualisierung
Wir sagen, dass wir in einer individualisierten Gesellschaft leben. Jeder wird nunmehr, wie es in der römischen Antike Sallust schrieb, «seines eigenen Glückes Schmied», fabrum suae fortunae. Was heißt das? Viererlei: Unabhängigkeit, Erkennen der eigenen Wünsche und Ziele, autonome Entscheidung, Erweiterung der Wahlmöglichkeiten.
Unabhängigkeit. Wir möchten nicht abhängen von Ärzten, Eltern, von einer Regierung, von Vorgesetzten, von Kirchen, Parteien, Verbänden, Konzernen. Wir wollen Erben sein jener Aufklärung, die darin besteht, dass wir uns unserer Urteilskraft ohne Hilfe einer anderen Instanz selbst bedienen.
Gibt es spezifische Risiken, die mit unserer Unabhängigkeit verbunden sind? Es gibt sie, und sie heißen: Bindungslosigkeit, Isolierung, Vereinsamung. Je unabhängiger jemand sein will, desto mehr verantwortet er den Nachteil oder die Gefahr, dass er bindungslos, isoliert und vereinsamt lebt. Er kann dieses Risiko nicht ausschließen, er wird es stets nach Maßgabe vergangener Erfahrungen erwarten und schließlich weiß er nicht, wie er reagieren wird, wenn er tatsächlich einmal ohne Bindung, isoliert und vereinsamt ist.
Dem Erkennen der eigenen Wünsche und Ziele steht das Risiko gegenüber, dass man den Überblick über die eigenen Bedürfnisse und damit die Selbstorientierung verliert.
Der autonomen Entscheidung steht als Risiko gegenüber, dass man vergisst, was alle betrifft. Es droht ein Verlust der Kompetenz des Gemeinsamen.
Für die Erweiterung der Wahlmöglichkeiten droht ein anderes Risiko: die Entscheidungsnot, gar der Entscheidungstod. Statt selbst zu wollen und zu agieren, werden wir Opfer derer, die uns etwas anbieten und verkaufen, das wir weder wollen noch benötigen.
Für diese vier Risiken gilt das allgemein über Risiken Bemerkte, ihre Bewirkung durch uns, ihre Nicht-Eliminierbarkeit, ihre unumgängliche Fehleinschätzung, verbunden mit der Nicht-Vorwegnehmbarkeit unserer Reaktion.
Was folgt daraus für unsere Beziehungssuche im Netz? Offenbar dies: die Risiken der Individualisierung können allesamt verringert werden durch Arbeit an uns selbst, verstanden als fortgesetzte Lernprozesse. Denn Lernen heißt: Schlüsse ziehen aus Erfahrungen. Schlüsse, welche den Nutzen bisheriger Erfahrungen bewahrt und schädliche Erlebnisse künftig vermeidet.
Ein Internetportal will und vermag die lernende Selbstarbeit nicht zu ersetzen und nicht abzunehmen. Was vermag es? Isolierten und vereinsamten Menschen sendet es Botschaften anderer. Mehrere Isolierte stellen fest, dass sie nur scheinbar isoliert sind. Dem, dem Orientierung mangelt, zeigt es Vorschläge, die zu ihm passen könnten. Auch dem bedrohten Gemeinsamen kann ein Internetportal entgegen wirken. Dazu bedarf es einer ausdrücklichen Orientierung an einer einschließenden sozialen Solidarität der Lebensstile. Auch dem Entscheidungsnotstand kann es abhelfen: Es rät nämlich, sich auf wenige Vorschläge zu beschränken und Geduld zur Findung des passenden Menschen aufzubringen. Vermittlungsprozesse können nämlich zuweilen langwierig sein. Wer nach jemandem sucht, mit dem er so lange als möglich zusammenleben möchte, sollte daher auch so lange als nötig nach ihm suchen.
Zweiter Teil: Konsequenzen: Ein Kleiner Ratgeber
Die folgenden Ratschläge setzten ein Vermittlungsportal voraus, das eine sozial gerechte, ökologisch ausgewogene Gesellschaft fördert und dessen Preis-Leistungsverhältnis so ausgewogen ist, dass es sozial Schwache nicht ausschließt, sondern teilnehmen lässt.
Zweck und Verfahren der Agentur
Eine Agentur der Beziehungen hat den Zweck, die Mühen deiner Suche nach einem anderen Menschen zu erleichtern. Wenn du deine Daten eingibst, werden diese über ein System der Datenverarbeitung so mit den Daten anderer verglichen, dass sich daraus Vorschläge eines vergleichbaren Profils ergeben.
Ähnlichkeit der Lebensstile ist weniger störanfällig
Im Durchschnitt hat sich erwiesen, dass Beziehungen auf Dauer weniger störanfällig sind, wenn sie auf ähnlichen Eigenschaften, Einstellungen und Verhaltensweisen der Personen basieren. Die Lebensstile von Rauchern und Nicht-Rauchern, von Vegetariern bzw. Veganen und Fleischessern, von Tierfreunden und wenig tierliebenden Menschen passen beispielsweise kaum zueinander.
Goethe notierte einmal: «Es gibt Menschen, die ihr Gleiches lieben und aufsuchen, und wieder solche, die ihr Gegenteil lieben und diesem nachgehen.» Hingewiesen sei auf die feine Ironie, dass die ihr Gleiches Liebenden dieses aufsuchen, während die, welche ihr Gegenteil lieben, diesem lediglich nachgehen. Aufsuchen heißt finden, nachgehen lediglich suchen.
Vorschläge und Kontaktaufnahme
Du erhältst also Vorschläge und kannst, wenn sie dir interessant erscheinen, mit einem anderen Menschen unter einer Chiffre einen Kontakt aufnehmen.
Der vorläufige Schritt in die Wirklichkeit
Das System stellt dir lediglich Personenprofile bereit. Den ersten und vorläufigen Schritt von der reinen Möglichkeit in die Wirklichkeit vollziehst du in dem Augenblick, wo du einer anderen Person unter Chiffre schreibst.
Schreibe über das Risiko
Du schreibst. Schreibst über das Risiko. Er weicht aus. Du setzt nach. Er öffnet sich. Will mit dir mehr darüber sprechen. Ihr tauscht euch aus.
Der Austausch von Mails unter Chiffre über die Agentur ist weitaus spontaner wie in jenen Zeiten vor dem Internet, als man geschönte Zeilen schrieb.
Isst du stets zu festen Zeiten? Liest du täglich Bücher oder verbringst du Stunden vor dem Fernseher? Liebst du Hotels oder lieber Reisen mit einem Wohnmobil? Wie wichtig ist dir Luxus?
Die Einigung mit deinem Gegenüber
Du einigst dich mit deinem Gegenüber im Mailaustausch unter Chiffre, ob, wann und wie ihr aus der vorläufigen Wirklichkeit der Kommunikation heraustretet in Medien der Verständigung, die von dem Portal unabhängig sind, das heißt ihr nutzt nunmehr eure eigene E-mail, eurer eigenes Fax, euer Telefon, ihr fixiert euer Treffen an einem von euch vereinbarten Ort.
Kontaktmöglichkeit und Schutz
Das Chiffrensystem der Agentur bietet dir die Chance, mit jemandem real in Kontakt zu treten. Es schützt dich aber auch vor dessen Eintritt in dein reales Leben, solange du dazu nicht bereit bist.
Start mit der Beziehungsfrage
Bedenke einen besonderen Vorteil der Beziehungsvermittlung: Im Unterschied zum wirklichen Leben beginnst du hier die Beziehung mit der Beziehungsfrage. Im wirklichen Leben dagegen stellst du die Beziehungsfrage in der Regel erst nach vielen Umwegen. Dank der im Netz ausgetauschten Informationen wisst ihr übereinander zusammenhängend in kürzerer Zeit mehr als oft im realen Leben auch nach längerer Zeit verfügbar ist.
Deine Erwartungen
Was erwartest du von einer ersten Begegnung mit deinem Gegenüber? Man behauptet: Männer suchen eher flüchtige Affairen, Frauen dagegen eine dauerhafte Liebesbeziehung.
Gibt es etwas, das du nicht vergessen solltest? Unsicherheit, Verlegenheit, Unausgeschlafenheit, sie kommen stets zur falschen Zeit. Doch jetzt erinnerst du dich: Risiko und Chance sind verbunden wie zwei Seiten derselben Münze. Ein Schritt nach vorne. Die weiteren Schritte tun sich von selbst.
Ihr seid einzig
Vergiss nicht: Du triffst nicht auf Männer, sondern auf einen einzigen Mann. Du triffst nicht auf Frauen, sondern auf eine einzige Frau. Du schaust nicht in viele Augenpaare, sondern in ein einziges. Du hörst nicht viele Stimmen, sondern den Klang einer einzigen Stimme. Du deutest diesen Blick und diese Stimme. Du weißt, dass ihre beide nicht deckungsgleich sein könnt in eurem Denken, Fühlen und Wollen. Ihr bleibt angewiesen auf ein Deuten, angewiesen auf ein Erschließen der Absichten, angewiesen auf ein Feststellen und Aufklären von Irrtümern.
Sprecht über das Risiko
Spricht das Gegenüber über das Risiko, so sprich auch du darüber. Tauscht euch aus. Wenn er weiß, dass du etwas über das Risiko weißt, dann weiß er, mit wem er es zu tun hat. Mit jemandem, der ebenso offen wie ernsthaft ist. Jedes Risiko bewirken wir? Ja. Nachteile oder Gefahren können wir nicht gänzlich eliminieren? Nein. Wir schätzen Nachteile und Gefahren ab nach vergangenen Erfahrungen, obwohl das Künftige erheblich anders ausfallen kann? Ja. Du weißt nicht, wie du reagieren wirst, wenn eine Gefahr eintritt? Nein.
Ihr geht alles noch einmal durch. Du verstehst, dass er versteht. Oder doch nicht? Dann geht es darum, seine Deutung zu ermitteln und deine davon zu unterscheiden.
Ein Verdacht?
Du hast gehört von pädophilen Tätern, die nach Frauen mit Kindern im Internet suchen. Hinter der Maske von Wohlwollen wird nach minderjährigen Opfern gesucht. Hier liegt eine verborgene Absicht vor. Hast du Grund, sie ihm zu unterstellen? Dann beende auf der Stelle den Kontakt. Oder bist du Opfer deiner eigenen Fantasie?
Das Portal unterstützt deine Selbstständigkeit
Heute bist du unzufrieden mit allem. Mit ihm, mit dir, mit euch. Woran liegt das? Du bist in das Vermittlungsportal eingetreten als jemand, der seines eigenen Glückes Schmied ist. Das Portal hat dich darin unterstützt.
Gehe noch einmal alles durch. Bist du am Ende getrieben von Fluchtwünschen? Oder suchst du letztlich den Kitzel des Abenteuers?
Gehe noch einmal zurück zu euren Mails unter Chiffre. Bist du ganz und gar getrieben von Impulsen? Oder bist du bereit und fähig, dich mit dir selbst zu beraten? Willst du dein Lernen fortsetzen? Vermagst du dir dein Für und Wider selbst vorzubehalten? Bist du frei, dich frei zu binden?
Abschluss
Nun stellt euch Folgendes vor, eine Sie und einen Er. Er Ende 60, sie elf Jahre jünger, beide seit 20 Jahren geschieden. Sie lebt in Baden-Baden, er in Hannover, 520 km trennen sie. Sie kinderlos. Er hat drei erwachsene Kinder. Beide tierlieb, jeder hat zwei Hunde, beide Vegetarier, die Hunde ebenfalls. Beide enttäuscht von einigen Beziehungen, die beide aufgekündigt hatten. Sie tauschen sich im Februar 2011 über Chiffre aus. Eine durchschnittliche Konstellation, die nicht selten vorkommt.
Doch da ruft ein zärtliches Wort ein anderes zärtliches Wort hervor. Zwei Vöglein, die sich bereits für flügellahm hielten, flattern auf, erreichen aus eigener Kraft die Höhe der noch kahlen Bäume in der Nähe ihrer Wohnungen. Der eine in Hannover, der andere in Baden-Baden, 520 km liegen zwischen ihnen. Inzwischen nicht mehr, denn der Vogel aus dem Norden zog es seit März zu ihr in den Süden.
Was war geschehen? Sie hatten gesucht, sie kannten die Risiken, sie waren ernsthaft und offen. Sie hatten den Blitz des Glücks nicht ausgeschlossen, wussten jedoch nicht, wo er niedergeht. Er traf sie, denn sie waren bereit. Wenn es Gold regnet, sollte es uns nicht an Töpfen fehlen, um es aufzufangen.
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